Altbau (2009)

Kulturprogramm unter der Frage nach individueller Verantwortung

Newton, Einstein, Möbius. Diese drei theoretischen Physiker haben mit bedeutenden Erkenntnissen wie dem Gravitationsgesetz oder der Relativitätstheorie, auf positive Resultate für die Entwicklung der Menschheit abgezielt. Jedoch lag die spätere Verwendung außerhalb ihres Einflussbereiches. Beispielweise wurden Erfindungen wie die Atombombe, für deren Entwicklung die Relativitätstheorie eine maßgebliche Rolle spielte, ohne Betrachtung der resultierenden Gefahren für Mensch und Umwelt entwickelt. Trägt Einstein folglich die Schuld für etwaige negative Auswirkungen? Robert Oppenheimer, der die Atombombe mithilfe der Relativitätstheorie erfand? Oder letztlich nur derjenige der die Bombe zündet?

Hauptschwerpunkt sollte hier nicht Schuldfrage darstellen, sondern vielmehr die Frage nach Verantwortung.

„Wissen ist Macht.“ dieses, auf Francis Bacon zurückgehende, und im Volksmund bekannte Zitat wird den Schülern des Friedrich-Schiller-Gymnasiums bereits in jungen Jahren gelehrt. Wissenschaftler sind mächtig. Inwiefern sollten sie dann die Verantwortung für ihre Gedanken und Erkenntnisse übernehmen?

Jene Frage wird in dem im Jahr 1961 entstanden Werk „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt erörtert. Im Rahmen der 11. Weißenfelser Theatertage wurde die Komödie in zwei Akten am Montag den 04.11.2019 im Kulturhaus Weißenfels interpretiert. 18 Schüler der Oberstufe unseres Gymnasiums nahmen nach eigener, selbstorganisierter Anreise auf freiwilliger Basis und unter Begleitung ihres Deutschkursleiters Herrn Röhn an dieser Aufführung teil. Ab 19.00 Uhr wurde dem Publikum in 90 Minuten die Geschichte des Physikers Möbius dargeboten, welcher sich in ein Sanatorium zurückzog, um die Welt vor den Konsequenzen seiner Entdeckungen zu schützen. Die Frage nach Verantwortung und individueller Freiheit kocht im Stück erstmals hoch, als sich zwei seiner Mitinsassen als die Geheimagenten Eisler/Einstein und Kilton/Newton vom russisch-kommunistischen beziehungsweise amerikanisch-kapitalistischen Geheimdienst entpuppen. Die beiden sind jedoch genauso wenig irre wie Möbius selbst. Beide Regierungsformen werden, angesichts des absurden Vernichtungspotentials, im Stück als unterschiedslos gefährlich für die Menschheit dargestellt. Die Charaktere kommen zu dem Schluss, in Gefangenschaft freier und sicherer zu leben als im eigenen Staat. „Verrückt, aber weise. Gefangen, aber frei. Physiker, aber unschuldig.“ so heißt es im Stück.  Dabei spricht die Inszenierung nicht nur die individuelle Verantwortung für das eigene Gedankengut an, sondern auch die Frage ob alles Machbare sofort umgesetzt werden sollte und die aufkommende Problematik, welche Rolle gesellschaftliche Normen und Werte dabei spielen.

Auch der Machtmissbrauch von Amtspersonen im Kalten Krieg wird unter diesem Gesichtspunkt betrachtet. Durch eine drastische Wendung gegen Ende der Aufführung, wurde dem Publikum der schnelle Entzug der Entscheidungsgewalt des Einzelnen über seine individuellen Gedanken und Erkenntnisse deutlich: „Die Rechnung ist aufgegangen. Nicht zugunsten der Welt, aber zugunsten einer alten, buckligen Jungfrau“, so das Fräulein Doktor im Finale der Inszenierung.

Allgemein lässt sich sagen, dass das Stück die zukünftigen Abiturienten nicht nur auf ihre weitere schulische Laufbahn vorbereitet hat, sondern die Inszenierung das gesamte Publikum zum Nachdenken anregte. Themen wie Freiheit, umfassende Verantwortung aber auch Machtmissbrauch sollten auch zur heutigen Zeit für uns eine wichtige Rolle spielen und uns bewegen. Schon Molière sagte: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“

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